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Hier finden Sie  Artikel über Qigong, Taoismus und Mystik sowie  verschiedene Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterPresseberichte,
wie z.B. den Aufenthalt im Kloster Shuan Mokh in Thailand.

Die drei Säulen des Qigong

Eine Einführung in die Grundideen des Qigong

 

Qigong ist der moderne Name eines komplexen Übungssystems, das aus der Tradition des Taoismus, Buddhismus und der chinesischen Medizin hervorgegangen ist. CARSTEN DOHNKE beschreibt die drei Säulen dieser Praktiken der Lebenspflege und zieht einen Vergleich zu westlichen Körpertherapien.

Qigong wird in erster Linie mit dem Ziel ausgeübt, den Fluss der Lebensenergie Qi im menschlichen Körper zu fördern. Traditionell chinesischer Auffassung zufolge werden der ganze Kosmos und auch der menschliche Körper von dieser Energie durchdrungen und beseelt. Fließt das Qi harmonisch und in Fülle, dann fühlen wir uns gesund und ausgeglichen, sprühen vor Vitalität und innerer Kraft.

In Kurzform: Wir fühlen uns lebendig und erleben eine Veränderung der Wahrnehmung von uns selbst und der Welt.

 

DIE AUSGANGSSITUATION

Menschen verschiedenster Kulturen und Epochen haben immer wieder festgestellt, dass jedes Wesen die Neigung besitzt, seine eigene Lebendigkeit im Verlaufe seines Lebens immer mehr einzuschränken, den Grand möglicher innerer Erregung, wie er oft bei Kindern vorzufinden ist, allmählich und meist unauffällig zu drosseln. Das geschieht unter anderem dadurch, dass man einige Körperbereiche nur noch eingeschränkt bewegt, bestimmte Muskeln chronisch anspannt und eine innere wie äußere Haltung zu seiner eigenen macht, die Ausdruck eines deutlich vorherrschenden Gefühls ist, alle anderen Gefühle aber ignoriert.

Teile des Körpers, die permanent angespannt sind, werden nicht ausreichend mit Blut und Energie versorgt und lassen sich nur eingeschränkt wahrnehmen. Wer seinen Beckenbereich kaum bewegen kann, wird nur schwer Zugang zu seinen sexuellen Trieben und zu seinen Hauptenergiequellen bekommen. Genauso wenig kann jemand, der aus Angst immer die Schultern hochzieht oder ständig einen krummen Buckel macht, ein intensives Gefühl der Freude empfinden. In der Umgangssprache wird dieser Zusammenhang oft deutlich zum Ausdruck gebracht. Redewendungen wie “Der trägt aber eine Last auf den Schultern!” sind mehr als geläufig.

Es besteht eine lebendige Wechselwirkung zwischen Körper und Geist: Einstellungen zum Leben, zu anderen und zur Welt setzen sich im Körper fest und werden durch ihn auch weiterhin festgehalten. Ob die Einschränkung der eigenen Lebendigkeit immer durch unausgedrückte Gefühle hervorgerufen wird, ist heute Streit der Experten. Die Ursachen chronischer Fehlhaltungen können vielleicht ebenso in falschen Gewohnheiten oder angborenen körperlichen Schwächen liegen, die ja jeder von uns nur zu gut kennt.

 

WAS IST ZU TUN?

Was kann ich unternehmen, um mich ganz lebendig zu fühlen? Zuerst einmal das: Ich versuche, die chronischen Muskelverspannungen und Fehlhaltungen der Wirbelsäule bzw. des Skelettapparates allmählich zu beseitigen. Eigentlich verfolge ich hauptsächlich dieses eine Ziel: ganz natürlich und gerade zu stehen, ohne irgendetwas zu tun. Wenn ich so dastehe, sammelt sich meine Energie automatisch in meiner natürlichen Mitte.

Oft bedarf es nur einiger kleiner Korrekturen. Aber sie brauchen Zeit. Es ereignet sich nämlich ein tiefgreifender Prozess: Die im Körper festgehaltenen und verborgenen Gefühle kommen wieder an die Oberfläche und müssen Schritt für Schritt verarbeitet werden. Diese Verarbeitung geschieht meist auf zwei Ebenen, auf der körperlichen und auf der emotionalen Ebene. So kann es vorkommen, dass ich mich plötzlich wütend oder traurig fühle, auch wenn eigentlich gar kein Anlass dazu besteht. Vielleicht fange ich aber auch an zu schwitzen, spüre ein gewisses Unwohlsein oder habe Verdauungsprobleme. All diese Prozesse sind positiv zu bewerten. Sie sind eine Antwort des Körpers auf die Situation und dienen nur dem Zweck, wieder einen Zustand innerer Ausgeglichenheit zu erreichen. Sobald man anfängt, sich geistig und körperlich zu entspannen, beginnt der Körper diesen Prozess der Selbstregulation. Die Beseitigung chronischer Fehlhaltungen und Muskelverspannungen reicht aber noch nicht aus, um ein intensives Gefühl des Lebendigseins zu erleben. Sie ist nur eine der drei (Haupt-)Säulen des Qigong. Diese Säule hat das Qigong mit vielen westlichen Ansätzen der Körperarbeit und Therapie gemeinsam.

 

DREI SÄULEN DES QIGONG

Im Qigong gibt es aber noch zwei weitere: die Stärkung und Reinigung des Körpers und die Sensibilisierung der Wahrnehmung.
Wer Qigong übt, verbringt viel Zeit damit seinen, ganzen Körper zu kräftigen. Das dient nicht nur dem Zweck, nicht für Krankheiten anfällig zu sein, sondern hat vornehmlich das Ziel, ein hohes Potential an Energie in sich aufnehmen zu können. In der Regel geschieht die Stärkung des Körpers durch lang anhaltende Stehübungen in Verbindung mit besonderen Atemtechniken: Man steht wie ein Fels und hat dabei das Gefühl, dass aus den Füßen Wurzeln hervorspriessen, die immer tiefer in den Boden dringen. Der Atem wird ruhiger und feiner. Seine Kraft erfüllt den ganzen Unterbauch. Warum gerade diese Übung, die in Fachkreisen Stehende Säule genannt wird, dem Aufbau des gesamten Körpers dienlich ist, ist dem Laien oft ein Mysterium. Nach außen hin passiert ja so gut wie gar nichts.
Gerade darin liegt aber das Geheimnis. Die Stärkung beginnt von innen und von unten: Der Unterbauch dehnt sich zu allen Seiten aus. Der tiefe Atem massiert und reinigt die inneren Organe. Ein Gefühl der Wärme breitet sich im Zentrum aus und dringt von dort aus langsam in die Peripherie. Von den Füßen her steigen feine energetische Vibrationen in die Beine hinauf und durchfluten allmählich den ganzen Körper. Mit zunehmender Übungszeit verwandelt sich der Stehende in ein pulsierendes Energiefeld. Dieser Effekt kann nur eintreten, weil die Stärkung des Körpers im Qigong im Zentrum und an den Wurzeln beginnt: Sie trifft den Übenden direkt in seiner Essenz.

Die Sensibilisierung der Wahrnehmung ist die dritte Säule des Qigong. Fast alle wichtigen und bekannten Qigong-Übungen dienen hauptsächlich der Sensibilisierung, also der immer feineren und differenzierteren Wahrnehmung des Körpers, der Gedanken und der Außenwelt. Sensibilität bedeutet aber nicht nur, dass der Übende für die Stimmung der Mitmenschen und die Ereignisse seines Umfelds empfänglicher wird, weil er die Welt mehr aus seiner Mitte heraus betrachtet.

Die eigentliche Veränderung der Wahrnehmung ereignet sich auf einer anderen, der energetischen Ebene: Je tiefer der Übende in die Praxis des Qigong eindringt, desto mehr nimmt er wahr, dass auch um den Körper herum ein feines energetisches Feld existiert. Beginnt er, dieses Feld als Teil seines eigenen Wesens zu begreifen, dann verwischen allmählich die üblichen Grenzen seines Körpers: Das energetische Feld entwickelt sich zu einem sechsten Sinnesorgan. Es wird zu einer Art Spürzone, mit deren Hilfe er die energetische Ausstrahlung der Mitmenschen und der Umwelt direkt – also ohne weitere Sinneseindrücke – erfassen kann. Statt intellektueller Analyse rückt die Intuition in den Vordergrund der Wahrnehmung.

 

DIE HARMONIE DER GEGENSÄTZE

Die Interaktion zwischen Körper und Geist, die ja auch durch Stärkungs- und Sensibilisierungsübungen stattfindet, geschieht nicht nur im Bereich der Muskulatur und des Skelettapparats. In Wahrheit ist der ganze Körper Ausdruck und Begrenzung meines Wesens, denn das Wechselspiel zwischen Körper und Geist ereignet sich auf allen möglichen Ebenen. Die Gelenke, Organe, das Bindegewebe und das Knochenmark gehören ebenso dazu wie die Muskulatur, die Wirbelsäulenhaltung, die Sehnen, die Haut und alles andere.

Durch das Verständnis dieses auf alle Bereiche ausgedehnten Wechselspiels wird ein entscheidender und oft missverstandener Punkt besonders deutlich: Es ist nicht nur das Ziel meditativer Übungen, einen tiefen Entspannungszustand zu erreichen, sondern alle Teile des Körpers in einem harmonischen Zusammenspiel zu erleben.
Viele Menschen besuchen einen Meditations- oder Qigong-Kurs mit der Idee, sich endlich einmal zu besinnen oder zur Ruhe zu kommen. Die Idee des Qigong ist es, innere Ausgeglichenheit, Harmonie und eine Beruhigung des Geistes zu erreichen. Aber dieses Ziel wird nicht erlangt, wenn man sich einfach nur entspannt. Kurz gesagt: Harmonie und Lebendigkeit benötigen eine Struktur.

Spannung und Entspannung kommen immer zusammen. So spricht man im Qigong davon, dass Yin und Yang stets aufeinander einwirken müssen. Wirkliche Ausgeglichenheit wird erst erzielt, wenn entgegengesetzte Aspekte sich miteinander ergänzen. Das ist gut am Beispiel eines Flusses zu verstehen: Wenn ein Mensch lange Zeit übt, dann wird er zu einem großen Strom. Durch einen Strom fließen gewaltige Mengen Wasser. Beobachtet man sein Fließen, so empfindet man ein Gefühl der Harmonie und Lebendigkeit. Wenn jetzt das Flussbett oder der Deich zerstört wird, dann tritt der Strom über die Ufer. Vielleicht bildet sich dort ein See, aber das Fließen und die Lebendigkeit hören auf. Der Fluss fließt nicht ohne sein intaktes Flussbett.
Genauso ist es auch beim Menschen: Ein harmonischer und lebendiger Mensch ist ein Gefäß für Gefühle, Empfindungen und Erregung. Je schwächer und poröser das Gefäß ist, desto geringer ist der Grad der inneren Erregung.

Am Beispiel der korrekten Haltung erklärt bedeutet das: Es ist nur möglich, aufrecht zu gehen, wenn ich bestimmte Muskelpartien anspanne. Der Körper steht nicht von alleine. Diese Grundanspannung gibt mir die Möglichkeit innerer Erregung. Verringere ich sie über ein bestimmtes Maß hinaus, dann führt das zum Verlust meiner Lebendigkeit. So einfach ist das.

 

GEDANKEN, ATEM, BEWEGUNG

Wenn ich jetzt ganz konkret anfangen möchte zu üben, sollte ich mich dreier Hilfsmittel bedienen. Ich benötige die Kraft meiner Gedanken, die Fähigkeit, meinen Atem zu regulieren und die Möglichkeit, mich zu bewegen. Aus der geschickten Kombination dieser drei Hilfsmittel setzen sich alle Qigong-Übungen zusammen. Zum besseren Verständnis werden sie in Basisübungen und höhere Übungen unterteilt:
Typische Basisübungen des heutigen Qigong sind z.B. gymnastikähnliche Streckungsübungen, Selbstmassage, spezielle Atemtechniken, Visualisierungen, Erdungsübungen, Übungen für die gerade Haltung, langsam ausgeführte Tierbewegungen, einfache Meditationspraktiken, Taiji-Bewegungen und heilende Laute.
Viele dieser Praktiken erscheinen dem Laien oft etwas geheimnisvoll. In Wahrheit ähneln sie aber in vieler Hinsicht den heute im Westen verbreiteten Gesundheitspraktiken, Entspannungsmethoden und Therapieformen. Dazu zählen unter anderem viele körperorientierte Psychotherapien, klassische Heilmassage, autogenes Training, biodynamische Massage, Feldenkrais-Training, positives Denken, Aura-Arbeit und vieles mehr.

Die Gemeinsamkeit der verschiedenen Methoden mit den Basisübungen des Qigong besteht darin, dass beide Ansätze das Ziel haben, Gesundheit und Lebendigkeit wiederherzustellen oder zu erhalten: Sie geben dem einzelnen Menschen die Möglichkeit, seine Erkrankungen zu heilen und sich von seinen Hemmungen und festgefahrenen Verhaltensstrukturen zu befreien, so dass er zu einem glücklichen und aktiven Wesen werden kann. Dieses Wesen hat die Möglichkeit, seine Gefühle auszudrücken, seine Wünsche und Ziele zu verfolgen und die Freuden der Sinne zu genießen.
Höhere Stufen des Qigong gehen über den Ansatz und die Idee der körperlichen und emotionalen Gesundung des Menschen weit hinaus. Sie werden zwar oft unterrichtet, sind aber nur nach langen Jahren des ernsthaften Übens zu meistern.
Auf diesen Stufen erlernt man Techniken zur geistigen Transformation von negativen Gefühlen, die Umformung von sexueller Energie in Bewusstsein, Heilung durch Übertragung von Qi und tiefe, innere Versenkung. Solche Techniken werden in den herkömmlichen westlichen Ansätzen der Körperarbeit nicht gelehrt.

 

MEDITATIVE ÜBUNGEN

Deutliche Parallelen finden sich dagegen im Vergleich mit den verschiedenen Yoga-Systemen, dem Buddhismus und Zen-Buddhismus, den Tantra-Systemen und der christlichen Mystik. Die meditativen Übungen all dieser geistigen Traditionen lassen sich, genau wie die höheren Stufen des Qigong, nicht losgelöst von ihrem geistigen Hintergrund praktizieren. Sie sind eingebettet in das Verständnis ethischer Grundhaltungen und entfalten erst hierdurch ihre volle Wirksamkeit. Denn nicht das private Glück des einzelnen Menschen, sondern die Verknüpfung des Menschen mit dem Kosmos ist das eigentliche Ziel dieser Übungen.
Das erfordert die innere Bereitschaft des Einzelnen, sein Selbst, mit all seinen Wünschen, Gefühlen und Ansichten über die Welt, in den Hintergrund zu stellen und seine Sinne ganz nach innen zu richten.

 

WAS IST QI?

Eines der größten Missverständnisse im Bereich des Qigong und der Meditation ist durch den Begriff Qi entstanden. In China und auch unter den Qigong-Praktizierenden des Westens spricht man dauernd von Qi. Hinter dem Wort verbirgt sich jedoch für viele die große Unbekannte. Einige Stimmen fragen daher nach einer konkreten Definition des Begriffs oder meinen, diese bereits gefunden zu haben.
Auch wenn solch eine Definition sehr wichtig ist und wahrscheinlich viele Missverständnisse klären wird, sollte eines nicht vergessen werden: Qi ist nur ein Name. Ein Name für etwas, was man selbst erfahren kann. Und irgendwie hat es mit Lebendigkeit zu tun. Deshalb frage ich gerne zurück: “Was ist denn Leben?”

(korrigierte Fassung, ursprünglich erschienen im “Dao spezial:Qigong” unter dem Titel “Auf der Suche nach Lebendigkeit”)

Ein Riss im Weltbild

Von Qi wird häufig gesagt, dass es die Verbindung sei zwischen der
materiellen und der geistigen Ebene. CARSTEN DOHNKE berichtet von Forschungsergebnissen, die dies in anschaulicher Weise belegen. Er weist darauf hin, dass diese Erkenntnisse – sofern wir bereit sind, sie wirklich in unser Bewusstsein dringen zu lassen – unser Weltbild grundlegend verändern.

Als mein Professor mir 1990 sagte, dass ich meine Magisterarbeit nicht über einen daoistischen Text, sondern lieber über den Begriff “Qi” schreiben sollte, war ich enttäuscht. Ich antwortete ihm: “Die Chinesen wissen doch selbst nicht genau, was Qi eigentlich ist. Was soll denn ich dabei Neues herausfinden?”
Die persönlichen Forschungen und Erfahrungen der nächsten Jahre veränderten meine Ansicht dazu wesentlich. Ich vertrete heute nicht nur die Meinung, dass sich wichtige Dinge über das Qi sagen lassen. Was ich in diesem kurzen Artikel sagen möchte, ist folgendes: Ein genaueres Verständnis von dem, was Qi ist und wie Qi wirkt, wird eine tiefgreifende Veränderung unseres gesamten Weltbildes mit sich bringen. Das gilt nicht nur für persönliche Lebensbereiche, sondern vor allem für Wissenschaftsgebiete wie Psychologie, Philosophie, Religionswissenschaft und Medizin.

Die meisten religiösen und esoterischen Lehren dieser Welt vertreten die Annahme, dass der Mensch neben dem rein physischen Körper ein Energiesystem besitzt, durch das das einzelne Individuum mit dem Kosmos in Verbindung steht. Die indische und die chinesische Kultur haben dieser Idee, mit unterschiedlichen Ansätzen und Schwerpunkten, sehr viel Aufmerksamkeit entgegengebracht und über die Jahrhunderte in Indien das Chakra-Nadi-System und in China das Meridiansystem entwickelt. Das Meridiansystem liegt dabei mehr im physischen Bereich als das Chakra-System, welches eher die rein feinstofflichen Aspekte des Seins beschreibt.

In den zugrunde liegenden Lehren beider Systeme wird die Ansicht vertreten, dass ein Netzwerk von nicht-physischen Kanälen und Zentren des menschlichen Körpers von einer nicht unmittelbar nachweisbaren Energie durchflutet wird. In China nennt man diese Qi, in Indien Prana. Erst durch die Existenz dieser Energie gibt es eine Verbindung zwischen dem physischen Körper und dem Rest des Universums. Der Mensch wird so zur “Manifestation eines universellen Energie- und Bewusstseinskontinuums” (1). Dieser Ansicht nach ist der physische Aspekt des Menschen nur die sprichwörtliche “Spitze eines Eisberges”. Und ein separates Selbst, das getrennt von den Dingen der Außenwelt existiert, ist reine Illusion.
Aus streng wissenschaftlicher Sicht gilt diese Theorie über die menschliche Natur als “vollkommen unbewiesen”. Sie begegnet uns weder in unseren Schulbüchern noch an unseren Universitäten, hat keinen Einfluss auf unser traditionelles religiöses Weltbild und spielt nur für wenige Menschen im Alltagsleben eine Rolle.
Das liegt zum einen daran, dass die nicht-physische Dimension des Lebens schwer zu beweisen ist – und Wissenschaft unterscheidet nun einmal zwischen Glauben und nachweisbaren Tatsachen. Zum anderen liegt es aber auch daran, dass sie vollkommen unserem gesamten Weltbild widerspricht. Daher wird in der westlichen Welt überhaupt nicht in diese Richtung geforscht. Die moderne Quantenphysik geht zwar über den Dualismus von Subjekt und Objekt hinaus, hat aber kaum Auswirkungen auf geisteswissenschaftliche Bereiche. Interessant ist auch, dass die meisten Wissenschaftler, die sich mit moderner Physik beschäftigen, im Alltag nach wie vor nach einem dreidimensionalen Weltbild leben. Nur wenige von ihnen glauben zum Beispiel an Telepathie oder andere schwer erklärbare Phänomene.

Jahrelange Forschung

Der Mensch ist im Westen ein klar abgrenzbares Individuum. Auf dieser Grundlage basiert alles weitere Denken. Der berühmte Satz von Descartes “Ich denke, also bin ich” ist aus buddhistischer Sicht einer der größten Irrtümer der westlichen Philosophie, denn er wurde im Zustand des “Alltagsbewusstseins” formuliert, in dem durch den Trug der Sinne immer die Illusion eines Selbst existiert. Aus diesem Grunde werden auch Qigong-Übungen gerne rein medizinisch erklärt: Qigong wird dann zur Gesundheitsgymnastik, akzeptiert von den Krankenkassen und der westlichen Ärzteschaft.
Gerade deshalb ist es beachtenswert, dass am “Institut für vergleichende Religionswissenschaft und Parapsychologie” in Tokio, unbeachtet von der westlichen Wissenschaft, bereits seit 30 Jahren an der Erforschung des Chakra-Systems, der Meridiane und des Qis gearbeitet wird. Auch in China und in den ehemaligen Ostblockländern gibt es Forschungen in diese Richtung. Das Besondere am Institut für vergleichende Religionswissenschaft und Parapsychologie ist aber, dass der Schwerpunkt der Arbeit darin besteht, der nicht-physischen Dimension des Lebens näher zu kommen. Ziel der Forschungsarbeiten ist es, zu einem tieferen Verständnis der menschlichen Natur vorzudringen und Klarheit über die Prinzipien der spirituellen Evolution zu erhalten.
Dr. Motoyama, Direktor und Leiter des Instituts, hat zusammen mit einem Team von Wissenschaftlern über die Jahre unzählige parapsychologische Experimente durchgeführt. Für deren wissenschaftliche Dokumentation wurden spezielle Messinstrumente entwickelt. Die Ergebnisse sind, wie ich bei einem persönlichen Besuch feststellen konnte, erstaunlich. Nicht nur die Existenz des Chakra- und des Meridiansystems wurde wissenschaftlich nachgewiesen, sondern auch deren Wirkung über den physischen Seinsbereich hinaus. Ein wichtiges Ergebnis ist folgendes:
Viele Versuche haben gezeigt, dass Testpersonen, die seit längerer Zeit meditieren, bewusst über ihr Meridiansystem Qi zu einer anderen Person senden können. Das Besondere bei diesen Versuchen ist, dass sie auch gelangen, wenn beide Personen in verschiedenen elektromagnetisch abgeschirmten Räumen saßen.
Qi kann daher nicht mit einer elektromagnetischen oder ähnlichen Energieform identisch sein, deren Wirkung sich mit unserem bisherigen Weltbild in Einklang bringen ließe. Es ist mehr ein Medium, das sich zwischen Materie und Geist bewegt. So kann es physische Funktionen im Körper unterstützen, indem es die verschiedenen Meridiane durchströmt. Gleichzeitig wirkt es aber dort, wo es vom Bewusstsein hingeleitet wird. Und das unabhängig von räumlicher Distanz und anscheinend über eine nicht-physische Dimension, die der Wissenschaft noch so gut wie unbekannt ist.
Dieser letzte Punkt wird auch von chinesischen Qigong-Meistern meist übersehen. Diese erklären das Aussenden und Empfangen von Qi oft mit Hilfe des Modells von Radio- und Fernsehwellen. Tatsache ist aber, dass keine Form von Welle irgendeine Distanz zurücklegt, sondern dass das Qi direkt dort wirkt, wo die Aufmerksamkeit des Geistes ist. Hier entsteht ein entscheidender Riss in unserem Weltbild.
Die wissenschaftliche Erforschung des Qi steht bisher noch am Anfang. Dr. Motoyama, der Wissenschaftler und zugleich ein anerkannter Yoga-Meister ist, kann daher nur als These formulieren, was zu erforschen noch ansteht: Aufgrund der Ergebnisse jahrelanger Versuchsreihen liegt für ihn die Vermutung nahe, dass jeder echte spirituelle Fortschritt mit einer vermehrten Aktivierung des Chakra- bzw. Des Meridiansystems einhergeht. Dabei spielt es keine Rolle, welcher religiösen oder esoterischen Tradition eine Person angehört.

Spirituelle Erfahrungen sind für Dr. Motoyama somit mehr als rein geistige Phänomene, denn sie hinterlassen Spuren im Energiesystem des Menschen und wirken auch auf den Körper zurück. Auf der physischen Ebene muss sich dies nicht unbedingt in äußerlich sichtbarer Vitalität niederschlagen. Gerade eine tugendhafte Geisteshaltung, die in vielen Traditionen durch langjährige Reinigungsübungen und Gebete angestrebt wird und die das zentrale Element aller Religionen ist, zeigt sich mehr in feineren Veränderungen des ganzen Wesens als in einem Zuwachs an Dynamik und Lebenskraft.
Dem Qi kommt dabei die Rolle eines Mediums zu, durch das spirituelle und religiöse Erfahrungen erst ermöglicht werden: es ist das Qi, durch das das Bewusstsein in der Grenzenlosigkeit wirkt. So schreibt Dr. Motoyama:

“Bewusstsein besitzt eine enorme Kraft. Es kann uns – und es tut es auch unbewusst – direkt mit dam Geist anderer Menschen und anderen materiellen Formen verbinden. Es ist nicht unbedingt durch die fünf Sinne, durch Zeit oder Raum begrenzt. Bewusstsein ist eine vereinigende Totalität, wie das schon Mystiker seit langem behauptet haben. Die trennenden Grenzen, die wir im täglichen Leben erfahren, sind schließlich nur Illusionen.”

Ich hoffe, dass es mit dem Beginn des nächsten Jahrtausends zu einer weiteren
Annäherung von Wissenschaft und Religionen untereinander kommt. Es ist wichtig, die Traditionen zu bewahren, aber gleichzeitig ist es auch von globaler Bedeutung, jenseits von kulturellen und emotionalen Interpretationen zu einem einheitlichen Verständnis der wirklichen Natur des Seins zu kommen. Das kann nicht nur für den einzelnen Menschen auf seinem Lebensweg hilfreich sein, sondern zudem kulturelle und religiöse Konflikte vermeiden oder zumindest verringern.
Die Erforschung der Meridiane, der Chakras und des Qis kann dazu ein wichtiger Schlüssel sein.

Das Heilende Tao

Das Heilende Tao, auch Universal Tao genannt, ist ein vom Qigong-Meister Mantak Chia begründetes System alter taoistischer Heilungs- und Meditationspraktiken. Neben einer Vielzahl von Qigong-Techniken umfasst es auch taoistische Methoden zur Kultivierung der Sexualenergie, innere Alchemie, Taijiquan, alte Shaolin-Praktiken zur Körperertüchtigung, daoistische Organmassage, Kenntnisse der Naturkräfte, Ernährungslehre und Fengshui.
Carsten Dohnke, selbst ausgebildeter Tao-Lehrer, stellt die Basiselemente dieses Systems vor, die beispielhaft taoistische Grundprinzipien verdeutlichen.

Das von Meister Mantak Chia entwickelte Übungssystem des Heilenden Tao unterteilt sich in zwei Stufen. Die Praktiken und Meditationen der ersten Stufe dienen generell der Selbstheilung: Sie verbessern die Gesundheit, lösen energetische Blockaden, vermehren und verfeinern die Energie im Körper und stärken die Kraft im unteren Dantien. Ganz bewusst werden sie als “Praktiken des heilenden Tao” bezeichnet.

Auf dieser soliden Basis folgen nach etwa fünf bis zehn Übungsjahren die spirituellen Praktiken. Sie werden von Meister Mantak Chia als “Praktiken des unsterblichen Tao” bezeichnet. Ideelles Ziel des “unsterblichen Tao” ist die Erschaffung eines Lichtkörpers, der aus dem physischen Körper hervorgeht und auch nach dem Tode in der geistigen Welt weiterexistiert. Deutliche Parallelen in Theorie und Praxis finden sich hierzu im tibetischen Buddhismus, in dem oft die Idee eines Regenbogenkörpers vertreten wird.

Der große Verdienst von Meister Mantak Chia ist es, dass er aus einer Vielzahl der daoistischen Praktiken, die sich in den letzten dreitausend Jahren in China entwickelt haben, essentielle Methoden und Übungen herausgenommen und zu einem neuen und in sich geschlossenen System verbunden hat. Das zeigt sich besonders in den “Praktiken des heilenden Tao”: Die zentralen Themen sind hier die Reinigung und Stärkung der inneren Organe und die Verdichtung der Lebenskraft zu einem Qi-Ball im Unterbauch. Beides geht zusammen: Fließt die Energie in den einzelnen Organen harmonisch und in Fülle, dann lässt sie sich auch leicht im unteren Dantien zentrieren.

 

DIE BASISPRAKTIKEN

Die Reinigung und Stärkung der inneren Organe hat vor allem das Ziel, ein “gutes und stabiles inneres Klima” zu schaffen: Die grundlegenden Qigong-Praktiken wie die Heilenden Laute und das Innere Lächeln dienen dazu, die negativen Emotionen innerlich – durch die Kraft des Geistes und des Qis – zu transformieren, Giftstoffe aus dem Körper zu leiten und die Harmonie der Organe untereinander zu stärken. So wird nicht nur der Körper innerlich gereinigt, sondern auch eine ausgeglichene und heitere Geisteshaltung entwickelt.

Die Zentrierung der Lebenskraft im unteren Dantian fördert die gesamte Vitalität und ermöglicht es, die Energie zu speichern. Im Heilenden Tao dient die Bildung eines Qi-Balls im Dantien-Bereich dem Aufbau eines inneren Gravitationsfeldes. Deshalb spricht Meister Mantak Chia auch von der Verdichtung und Kondensierung der Qi-Energie: Durch die Vorstellung eines inneren Sogs, anfangs kombiniert mit einer leichten Anspannung der Ringmuskeln der Augen und umgekehrter Bauchatmung, wird die Energie im unteren Dantien komprimiert und allmählich zu einer glühenden und hell scheinenden Lichtperle veredelt. Diese zieht durch ihre “Gravitationskraft” automatisch die Kräfte der Natur, der Erde und des Kosmos an. Diese Kräfte lässt der Praktizierende dann entlang des Kleinen Energiekreislaufs und weiterer Sondermeridiane zirkulieren, damit sie sich gleichmäßig im Organismus verteilen und dort, wo es nötig ist, Heilungsprozesse in Gang setzen. Das innere Gravitationsfeld lässt sich mit der Anziehung vergleichen, die die Sonne auf die Planeten unseres Planetensystems ausübt: Ohne die Sonne würde keiner der Planeten auf seiner Bahn gehalten werden. Ebenso verhält es sich mit dem unteren Dantien: Ist das Dantien geschwächt, so mangelt es an einem natürlichen magnetischen Feld und auf die den Menschen umgebenden Qi-Kräfte wird keine Anziehung mehr ausgeübt.

Der taoistische “Novize” erlernt und praktiziert die verschiedenen Basistechniken des Heilenden Tao erst einmal separat. Dazu gehören verschiedene “Eisenhemdübungen”, alte Praktiken der Shaolin-Tradition zur Ausbildung eines stählernen Körpers und zur Verbesserung von Haltung und Knochenstruktur. Bereits nach kurzer Übungszeit lässt der Praktizierende zusätzlich die Sexualenergie durch den Kleinen Kreislauf fließen. Die Kraft der Ovarien bzw. der Hoden wird teilweise dem Fortpflanzungsprozess entzogen und steht zur Versorgung und Heilung der inneren Organe, der Drüsen, und des Gehirns zur Verfügung. Dies ist eine alte taoistische Praxis, die im Chinesischen auch als “Huan Jing Bu Nao” bezeichnet wird: “Die Umkehrung des Spermaflusses zur Nährung des Gehirns”.
Auf der nächsten Übungsstufe – der “Fusion der Elemente” – erfolgt eine Synthese des Gelernten: Die verdichtete Energie im unteren Dantien wird von solcher Intensität, dass sie gleichzeitig die gereinigten Energien der Organe und die Kräfte der Natur anziehen kann. Diese gestärkte innere Lichtperle wird nun zusammen mit der Sexualenergie durch den Kleinen Kreislauf, die Sondermeridiane und die Drüsen geleitet.

 

DIE “FUSION DER ELEMENTE”

Die Praktiken der “Fusion der Elemente” dienen in erster Linie der Transformation negativer Emotionen und der Ausbildung tugendhafter Qualitäten. Sie sind der erste Schritt der inneren daoistischen Alchemie: Die Energie wird erstens innerlich gereinigt und harmonisiert, zweitens im Zentrum verdichtet, drittens durch Zirkulation entlang der Meridiane verfeinert und viertens durch neue Energien aus der Natur und dem Universum vermehrt. Die im menschlichen Körper zu einer neuen und verfeinerten Form verschmolzene Energie dient dem Ziel, allmählich die Schwingungsfrequenz des gesamten Organismus zu erhöhen und von der Zellebene aus einen inneren Regenerations- und Selbstheilungsprozess einzuleiten. Zudem führt sie zu einer extremen Öffnung und Aktivierung der Energiebahnen.

Derjenige, die die “Fusion” praktiziert, hat dabei die Möglichkeit, je nach angeborener Schwäche oder momentaner Lebenssituation das eine oder andere Organ oder Naturelement mehr zu betonen. So kann er selbständig sein emotionales und physisches Gleichgewicht wiederherstellen und – auf längere Sicht gesehen – allmählich tiefergehende alte Verhaltensmuster auflösen.

Da sich gezeigt hat, dass die Wirkung der taoistischen Meditationen ohne eine gute körperliche Basis sehr begrenzt ist, nehmen neben den rein energetischen Praktiken auch Taiji, die bereits erwähnten Eisenhemd-Übungen und “Chi-Nei-Tsang”, eine von Meister Mantak Chia entwickelte Organmassage, einen wichtigen Stellenwert im System des Heilenden Tao ein. Auch all diesen Praktiken ist gemein, dass sie sich gezielt mit den Organenergien und der Zentrierung der Lebenskraft im Dantien beschäftigen. Taiji und die Eisenhemd-Übungen betonen die Verwurzelung in der Erde. Dem Dao-Schüler wird so die Möglichkeit gegeben, parallel zur meditativen inneren Schulung seine körperliche Konstitution zu stärken, so dass er – aufbauend auf einem guten physischen Fundament – allmählich zu immer feineren und subtileren Praktiken übergehen kann.

 

“KAN & LI”: DIE VERMÄHLUNG VON FEUER & WASSER

Die spirituellen Praktiken des Heilenden Tao tragen den Namen “Kan und Li”. Es handelt sich um hohe Praktiken aus der taoistischen Tradition der inneren Alchimie. Ihre Meisterung bedarf vieler Jahre oder sogar Jahrzehnte des intensiven Übens. Die Begriffe Kan und Li beziehen sich dabei auf zwei der acht Trigramme des alten Orakelklassikers Yijing: “Kan” symbolisiert die heißen Kräfte des Feuers und “Li” die kühlenden Energien des Wassers.
Der daoistische Adept, der sich viele Jahre der Meditation und der inneren Alchemie hingibt, spürt die Kräfte des Feuers besonders im Herzen und im übrigen oberen Körperbereich. Sie werden verstärkt durch die hochfrequenten und ebenfalls heißen Energien des Himmels und der Sterne, die während der Meditationspraxis durch den Scheitelpunkt in den Körper eindringen. Die kühlen Kräfte des Elementes Wasser weilen hauptsächlich in den Nieren und den Sexualorganen. Die oft blau erscheinende Erdenergie, die durch die Sogwirkung der zentrierten Kraft des unteren Dantian über die Fußsohlen in die Beine aufsteigt, macht einen weiteren Anteil der kühlen Energien aus.

Der Tradition der Chinesischen Medizin und des Taoismus folgend, trennen sich die heißen und die kühlen Energien im Körper im Laufe des Lebens immer mehr voneinander und werden dabei zunehmend schwächer. Als Folge tritt im Alter der natürliche Tod ein. Die entsprechenden Symptome sind auch der westlichen Medizin bekannt: Ältere Menschen leiden häufig unter Muskelschwäche im Beckenbodenbereich, Blasenschwäche und Ödemen in den Beinen. Gleichzeitig klagen sie über aufsteigende Hitze und andere “Feuersymptome”.

Der taoistische Adept, der sich der Praxis des Kan und Li widmet, möchte den Zerfall der Elemente und den natürlichen Alterungsprozess nicht nur harmonisch verlaufen lassen oder verlangsamen, sondern innerlich umkehren : die verschiedenen Kräfte sollen sich im Körper zu einer neuen Form des Lebens verbinden: Kan steht nicht mehr Li ausgleichend gegenüber, sondern das Wasser verdampft im Körper über dem Feuer. Das ist das wesentliche Element der inneren Alchimie. In den taoistischen Klassikern wird dieser Prozess als “dem Verlauf der Natur entgegenwirken” bezeichnet.

Strebt der Orakelmeister oder Kenner des Yijings danach, durch das Erkennen des Wandels und der Spannungszustände der Natur und des Lebens allgemein in Einklang und Harmonie zu leben, so geht der Alchimist einen Schritt weiter: Er hat das Verlangen nach Evolution und innerer Entwicklung und verwandelt durch seine Praxis die Materie, die dem Zerfall unterlegen ist, langsam in Licht. Der Körper ist sein Medium.

In der Praxis sieht die Vermählung von Kan und Li so aus: Die Lichtperle des unteren Dantien wird beim fortgeschrittenen Adepten zu einer Art “innerem Schmelztiegel”: Das Feuer wird durch die inneren Energiebahnen des Körpers tief in das untere Dantien geleitet und bildet den Ofen. Die Kräfte des Wassers werden zu einem kühlen Lichtball gebündelt und langsam über den Ofen hinaufgeführt. Die Kunst besteht nun darin, das Wasser nicht ins Feuer fallen zu lassen, sondern allmählich zu senken und über dem Feuer zu stoppen. Was dann passiert, bezeichnen die Daoisten als “inneren Geschlechtsverkehr”. Es kommt zur Vermählung beider Kräfte. Die Sexualenergie, die einen großen Teil der kühlenden Wasserkräfte ausmacht, wird durch das innere Feuer in ihrer Qualität verfeinert und in kühlenden Dampf verwandelt. Dieser Dampf nährt den ganzen Organismus von innen her. Er wird vom Adepten bewusst und Schritt für Schritt in die einzelnen Organe, die Drüsen, die Meridiane, das Gehirn und die Lymphbahnen geleitet.

Ziel ist, dass nach Jahren der Praxis, wenn der innere Selbstreinigungsprozess abgeschlossen ist, aus der überschüssigen verfeinerten Energie ein geistiger Körper hervorgeht, der – separat vom physischen Körper – in der geistigen Welt reisen kann. Dieser “Lichtkörper” wird in der taoistischen Tradition auch als “Inneres Kind” bezeichnet. Damit wird der tiefere Sinn des “inneren Geschlechtsverkehrs” deutlich: Der fortgeschrittene Taoist lenkt seine Fortpflanzungsenergie nach innen und “befruchtet” sich selbst. Zusammen mit den Energien der Naturelemente formt sich eine neue innere Kraft, die zu geistigem Wachstum führt.

Im System des Heilenden Tao werden qualitativ sehr wertvolle Praktiken der alten taoistischen Tradition vermittelt, von denen viele im alten China nur an Eingeweihte wiedergegeben wurden. Die Meisterung dieser Praktiken ist eine Lebensaufgabe. Für den modernen westlichen Schüler, der mit den extremen Sinnesreizen unserer schnelllebigen Medien- und Informationsgesellschaft aufgewachsen ist und der komplexe Meditationen auf Wochenendkursen lernt, birgt das gewisse Gefahren: Beginnt er zu schnell mit den spirituellen Praktiken, ohne auf einem soliden selbsterarbeiteten Fundament und langer eigener innerer Erfahrung aufzubauen, kann der innere “Lichtkörper” schnell zum Produkt der Phantasie werden. Zudem liegt es auch in der Eigenverantwortlichkeit des Schülers, den geistigen Weg des Tao nicht aus den Augen zu verlieren und sich neben dem Erlernen der Techniken intensiv mit seinem ganzen Leben auseinanderzusetzen.

Der Taoismus

Der Taoismus als eine der großen Weisheitstraditionen ist weder eine Religion noch eine rein philosophische Lehre. Vielmehr ist er ein sehr praxisorientierter Lebensweg, der Heilkünste, Meditation, Kenntnis der Naturkräfte und Philosophie miteinander verwebt. Ein Weg, der die Schönheit im Leben sieht und sie mit eben diesen Mitteln zur Entfaltung bringt.

Ein Taoist vertritt die Ansicht, dass das Leben eines jeden Menschen etwas Schönes ist. Das “Leben zu pflegen” und in Harmonie mit sich selbst, der Natur und dem Kosmos zu leben, ist das zentrale Anliegen aller Taoisten. Ausgehend von dieser Idee hat sich über die Jahrtausende ein detailliertes System aus Atem- und Körperübungen sowie medizinischen Praktiken entwickelt.
Ein Hauptthema der Lehre des Tao, das sich auch in allen Praktiken wieder findet, ist die stetige Wandlung aller Dinge. In der Natur manifestiert sich dieser Wandel durch das ständige Ineinanderwirken der beiden Hauptkräfte des Lebens, Yin und Yang, des weiblichen und des männlichen Prinzips.
Der Taoismus betont daher den Ausgleich dieser beiden Kräfte in allen Bereichen des Lebens. Zudem lehrt er, dass das Weiche und anscheinend Schwache, das dem Yin zuzuordnen ist, dem Harten und Starken oft überlegen ist. In der Natur zeigt sich dies besonders an der Kraft des Wassers.

Zur Essenz des Taoismus zählen stille Meditation, die taoistische Sexuallehre, innere Alchemie und viele Praktiken des heutigen Qigong. Aber auch Taiji und andere chinesische Kampfkünste, die traditionelle Kräuterkunde und Akupunktur basieren größtenteils auf taoistischem Gedankengut.
Zudem hat der Taoismus während der letzten zweieinhalb Jahrtausende in China viele magische und religiöse Formen hervorgebracht und als eine geistige Strömung fast alle Bereiche des chinesischen Lebens beeinflusst. Dazu zählen Malerei, Kalligraphie, Literatur, Kriegskunst, Astrologie, Philosophie, Naturwissenschaft, Geomantie, Staatsführung sowie das chinesische Alltagsleben.

DIE WURZELN: LAOZI UND ZHUANGZI

Die geistigen Grundlagen des Taoismus wurden im 6.-3. Jh. V. Chr. gelegt. In dieser Zeit sind die beiden wichtigsten philosophischen Werke des Taoismus entstanden: das “Daodejing”, (alte Umschrift: Tao Te Ching) der Klassiker vom Tao und seiner Kraft, und das berühmte Werk “Zhuangzi” (alte Umschrift: Chuang Tzu), benannt nach seinem gleichnamigen Autor. Ohne diese beiden Schriften gäbe es heute wahrscheinlich keine Lehre, die sich als Taoismus bezeichnen ließe. Bis heute berufen sich fast alle Schulen und Vertreter taoistischer Strömungen auf den Inhalt dieser beiden grundlegenden Werke.
Das “Daodejing” besteht aus 81 kurzen und teilweise gereimten Sprüchen und gehört zu den meistübersetzten und kommentierten Werken der Menschheit. Traditioneller chinesischer Geschichtsschreibung gemäß geht es auf den Weisen Laozi (alte Umschrift: Lao Tzu) zurück, der angeblich ein Zeitgenosse von Kongzi (Konfuzius) war und daher um 500 v. Chr. Gelebt haben soll. Die geschichtlichen Angaben zu seiner Person sind allerdings widerspruchsvoll
und legendenhaft.

China war damals noch kein Kaiserreich, sondern ein in verschiedene Fürstentümer zerfallenes Staatsgebiet. Kriege, Hungersnöte und politische Unruhen beherrschten über lange Zeit das Leben. Wie viele andere Denker jener Zeit versuchte Laozi (Lao Tzu) daher eine Antwort auf die Frage zu finden, wie es wieder Frieden geben kann. Das “Daodejing” ist deshalb in vielen Aspekten als ein politisches Buch zu verstehen, dass vorwiegend als ein Ratgeber für die Fürsten geschrieben wurde.

DIE KRAFT HINTER DEN DINGEN

Dies macht auch verständlich, dass sich Laozi in vielen Kapiteln provozierend gegen die Ideen anderer geistiger und politischer Strömungen seiner Zeit richtet: So riefen die Anhänger des Konfuzius dazu auf, wieder Tugendhaftigkeit und Pflichtbewusstsein zu entwickeln, um Einheit und Harmonie unter den Menschen herzustellen, während die Legalisten versuchten, mit strengen Gesetzesentwürfen dem politischen und sozialen Wirrsal Einhalt zu gebieten.
Laozi vertritt im “Daodejing” dagegen einen anderen Standpunkt: Der Frieden unter den Staaten war für ihn nur durch inneren Frieden jedes einzelnen denkbar. Daher fordert er die Menschen und besonders die Fürsten dazu auf, von ihren Wünschen und Begierden abzulassen, die nur zu Streit und Unglück führen, und sich ihrer inneren Natur zuzuwenden. Auf diese Weise kommen sie nach Laozi in Einklang mit dem “Tao”, dem “Weg”.
Tao, als philosophischer Begriff eigentlich unübersetzbar, bedeutet soviel wie höchstes Prinzip des Seins, Welturgrund oder auch geistiges Gesetz des Universums. Das Tao manifestiert sich in der gesamten Schöpfung mit all ihren physischen Erscheinungen, ist aber selbst weder erkennbar noch beschreibbar, sondern steht wie eine höhere Kraft hinter den Dingen. So heißt es im ersten Kapitel des “Daodejing”: Das Tao, das mitgeteilt werden kann, ist nicht das ewige Tao.
Dadurch, dass der Mensch mit dem Tao in Einklang lebt, wird er zum Weisen: Er erkennt seine wahre Natur, versteht die subtilen Gesetze des Kosmos und den Wandel der Dinge. So lebt er in innerer Stille, Einfachheit und tiefer Harmonie.
Diese Verbundenheit mit dem Sein führt dazu, das der Weise “alles vollendet, ohne etwas zu tun”. Er greift nicht in den natürlichen Verlauf der Dinge ein, sondern orientiert sich an den Prinzipien der Natur. So gibt es für ihn nichts hinzuzufügen, wo alles in harmonischer Fülle vorhanden ist.
Über die Verbundenheit mit dem Tao durch die Abkehr von der Welt der Sinne, die Weisen und das Nicht-Handeln heißt es unter anderem im “Daodejing”:

Es gibt einen Anfang des Kosmos,
Die Mutter aller Dinge.
Die Mutter kennen heißt, den Sohn zu kennen.
Den Sohn zu kennen, und doch in Verbindung
mit der Mutter zu bleiben,
Heißt, bis ans Lebensende ohne Sorge zu sein.

Verschließe die Sinne,
Schließe das Tor,
Und Leben ist immer voll.
Öffne die Sinne,
Sei immer vielbeschäftigt,
Und Leben ist jenseits von Hilfe.

Die Weisen treten zurück, und doch sind sie voraus.
Wenn das Selbst aufgegeben wird, wird es verwirklicht.
Wenn das Ich überschritten wird,
gewinnt man Erfüllung.

Im Streben nach Gelehrsamkeit
Kommt jeden Tag etwas hinzu.
Im Streben nach dem Tao
wird jeden Tag etwas weniger.
Vermindere und vermindere weiter,
Bis nicht mehr getan werden muss.
Wenn nichts getan wird, bleibt nichts ungetan.
Die Welt wird durch Nicht-Eingreifen regiert.
Sie kann nicht durch Eingreifen regiert werden.

Das im 3. Jh. v. Chr. in Form von Kurzgeschichten und Dialogen erschienene Werk “Zhuangzi” gilt als eines der größten Meisterwerke der Weltliteratur. Durch seine Themenvielfalt lieferte es vielen Generationen von Taoisten immer wieder geistige Inspirationen. Zhuangzi” nimmt den Grundgedanken des “Daodejing”, die Einheit des Menschen mit dem Tao, auf und entwickelt
diesen in literarisch-poetischer Form weiter.

FREIHEIT UND DIE WANDLUNG DER DINGE

Während das “Daodejing” aber im Ton eines Meisters kurze und knappe Ratschläge gibt, stellt “Zhuangzi” Fragen. Zudem ist “Zhuangzi” das erste Werk, in dem das Individuum im Mittelpunkt steht: Nicht die Harmonie der Gesellschaft und der Frieden des Landes, sondern die Freiheit des einzelnen
Menschen – und besonders desjenigen, der mit dem Tao im Einklang lebt – ist das wichtigste Thema im “Zhuangzi”.
Zwei wichtige und bekannte Abschnitte des Textes sind “der Schmetterlingstraum” und die kurze Passage über “Liezi, der auf dem Wind reitet”. Während im ersten die Wandlung aller Dinge das Thema ist und zugleich in Frage gestellt wird, was ein Mensch überhaupt zu wissen vermag, deutet der zweite an, was “Zhuangzi” unter wahrer Freiheit versteht:

Einst träumte Zhuangzi, dass er ein Schmetterling sei, ein flatternder Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wusste von Zhuangzi. Plötzlich wachte er auf: Da war er wieder wirklich und wahrhaft Zhuangzi. Nun weiß ich nicht, ob Zhuangzi geträumt hat, dass er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling geträumt hat, dass er Zhuangzi sei, obwohl doch zwischen Zhuangzi und dem Schmetterling sicherlich ein Unterschied ist. So ist es mit der Wandlung der Dinge.

(Da gab es…) ferner Liezi, der sich vom Winde treiben lassen konnte mit großartiger Überlegenheit.
Nach fünfzehn Tagen erst kehrte er zurück. Er war dem Streben nach dem Glück gegenüber vollständig unabhängig; aber obwohl er nicht auf seine Beine angewiesen war, war er doch noch von Dingen außer ihm abhängig. Wer es aber versteht, das innerste Wesen der Natur sich zu eigen zu machen und sich treiben zu lassen vom Wandel der Urkräfte, um dort zu wandern, wo es keine Grenzen gibt, der ist von keinem Außending mehr abhängig.

Das “Daodejing” und das Werk “Zhuangzi” enthalten viele Passagen, in denen meditative Elemente zu finden sind. Beide Werke sind aber in erster Linie philosophische Schriften, deren zentrales Thema die Möglichkeit der Einheit des Menschen mit dem Tao ist. Daher liefern sie keine praktischen Anleitungen für Versenkungszustände.
Auch die Idee, durch Körperübungen die Lebenskräfte zu kultivieren und so das Leben zu verlängern, ist kein Thema beider philosophischen Werke. “Zhuangzi” belächelt sogar in einem Kapitel diese Idee, da sie davon wegführt, mit seiner wahren Natur in Einklang zu sein.
Die Hinwendung zu Atem- und Körperpraktiken und damit einhergehend das Streben nach Lebensverlängerung oder gar “Unsterblichkeit” begann erst in der späten Entwicklung des Taoismus. Damit gewann auch die Kultivierung der Lebenskraft Qi, wie sie heute in vielen Qigong-Übungen gelehrt wird, allmählich ihre gegenwärtige Bedeutung.

YIN-YANG UND DIE FÜNF ELEMENTE

In der Zeit der vorchristlichen Jahrhunderte gab es in China einen Aufbruch des Denkens. Zum einen entstanden, bedingt durch die gesellschaftliche und politische Krise des Landes, eine Vielzahl philosophischer Schulen, von denen die Konfuzianer, die Legalisten und die Anhänger des Tao die wichtigsten waren. Zum anderen gab es erste prowissenschaftliche Ansätze – Versuche, die Geschehnisse der Natur und auch die Veränderungen der Gesellschaft mit Hilfe einfacher Modelle auf rationale Weise zu erklären und eventuell zukünftige Tendenzen vorherzusehen. So entwickelten sich die “Lehre der Fünf Elemente” und die “Yin- und Yang-Lehre.” Beide haben sich über die Jahrhunderte weiterentwickelt und zählen bis heute unter anderem zu den wichtigsten Diagnoseverfahren der chinesischen Medizin. Die Ursprünge der “Yin- und Yang-Lehre” gehen auf das “Yijing” (alte Umschrift:
I Ching), das “Buch der Wandlungen” zurück. Dieses Orakelwerk, das in rudimentärer Form schon im 2. Jahrtausend vor Chr. existierte, trägt die Wurzeln des chinesischen Denkens in sich und bildete eine wichtige Grundlage für die philosophischen Ausführungen von Laozi und Zhuangzi.
Zudem gab es im alten China erste Ansätze von Akupunkturverfahren. Es gab Drogenkundige, die sich mit Heilpflanzen auskannten und ein altes Schamanentum, in dem verschiedene Trance-Praktiken verbreitet waren.
Auch einfache gymnastische Körperübungen waren allgemein bekannt.

Die Wurzeln vieler dieser alten Traditionen liegen wahrscheinlich im 2. Jahrtausend v. Chr., lassen sich heute aber nicht mehr zurückverfolgen. Wichtig ist, dass sie nicht unbedingt als taoistisch zu bezeichnen sind, sondern eher zum allgemeinen chinesischen Kulturgut gehören. Sie haben aber mit dem philosophischen Taoismus, genau wie die neuentwickelten pro-naturwissenschaftlichen Ansätze, ein wichtiges gemeinsames Thema: die harmonische Beziehung des Menschen zum Kosmos und die Beziehung der Menschen untereinander. So konnte es bald zu einer Synthese der verschiedensten Strömungen kommen, die zu einer Weiterentwicklung des Taoismus führte.

DER WEITERENTWICKELTE TAOISMUS

Besonders durch den Einfluss der “Yin-Yang” und der “Fünf-Elemente-Lehre”, der alten schamanistischen Praktiken und der medizinischen Erkenntnisse hat sich in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten allmählich eine neue Form des Taoismus herauskristallisiert, deren Schwerpunkt in der “Pflege des Lebens” bestand.
Der Taoismus wurde nun zu einer umfassenden und praxisorientierten Lehre, die eine Vielzahl von Disziplinen, Übungsformen und Wissensgebiete umfasste. Zu den wichtigsten zählen:

– Philosophie
– Körperübungen
– Atemübungen
– stille Meditation
– Ernährungskunde
– Kräuterkunde
– sexuelle Praktiken
– Schicksalsgestaltung

Es entwickelten sich verschiedenste Schulen und Strömungen, von denen einige zudem vom Buddhismus beeinflusst wurden, der seit dem 2.Jh. n. Chr. in China Fuß gefasst hatte. Außerdem gab es, wie im vorchristlichen China, weiterhin Eremiten, die ihren individuellen taoistischen Weg verfolgten.
Neben stiller Meditation und der Kultivierung des Geistes waren rituelle und magische Praktiken, Techniken zur Lebensverlängerung oder geheime Sexualpraktiken verbreitet. Letztere dienten dem Zweck, die Yin- und
Yang-Kräfte zwischen Mann und Frau zu harmonisieren und die rohe
Sexualkraft innerlich zu verfeinern und so für geistige Zwecke zur Verfügung
zu stellen.
Die wichtigste Veränderung und Neuerung des weiterentwickelten Taoismus war aber die “Suche nach Unsterblichkeit”. Damit wurde eine lang anhaltende Epoche der “Alchemie” eingeleitet.

DIE SUCHE NACH UNSTERBLICHKEIT

Alchemie wird allgemein als “die wissenschaftliche Beschäftigung mit chemischen Stoffen” definiert, “in deren Mittelpunkt die Umwandlung und Veredelung von Stoffen steht”. Im Taoismus trennt man zwischen den Schulen der äußeren und der inneren Alchemie.
Die Anhänger der äußeren Alchemie waren von dem Wunsch beflügelt, das Leben bis zur Ewigkeit zu verlängern und versuchten, die Zerfallsprozesse des Körpers aufzuhalten, indem sie ihm von außen nährende oder chemische Substanzen zufügten. Ihre Praktiken, die in ähnlicher Form auch bei uns im Abendland verbreitet waren und viele Parallelen zur heutigen Wissenschaft aufweisen, zeigten allerdings keine dauerhaften Erfolge. So verlor diese Richtung allmählich an Einfluss und Bedeutung.
Hinter dem Begriff der “inneren Alchemie” verbirgt sich dagegen ein komplexes und über Jahrhunderte gereiftes Meditationssystem, das in vielen Bereichen mit den tantrischen Schulen des Mahayana-Buddhismus vergleichbar ist: In beiden Systemen liegt das Hauptgewicht auf Visualisierungspraktiken und auf der Transformierung der sexuellen Energie in geistige Kraft.
Während der Buddhismus in erster Linie eine Schulung des Geistes lehrt, führt der Weg der Alchemie über die Kultivierung des Körpers zum Geist. Das verbindende Glied zwischen beiden ist die Lebenskraft Qi.

Vergleicht man das menschliche Leben mit einer brennenden Kerze, dann hatten die Anhänger der äußeren Alchemie das Ziel, dass die Kerze ewig weiterbrennt. Die inneren Alchemisten strebten dagegen an, dass das Licht noch scheint, nachdem die Kerze erloschen ist. Sie bedienten sich dazu einer Kombination aus stärkenden Körperübungen, energetischen Praktiken und stiller Meditation. Zudem befolgten sie oft spezielle Diäten und nahmen für gewisse Zeit verschiedene Heilkräuter zu sich, um sich innerlich zu reinigen und die Energien des Körpers zu stabilisieren.

HARMONISIERUNG UND VEREDELUNG DER LEBENSKRAFT

Im Mittelpunkt der inneren Alchemie stand die Bewahrung, Verfeinerung und Veredelung der Lebensenergie Qi.
Die Vorgehensweise der inneren Alchemisten bestand vor allem darin, die Yin- und Yang-Energien und das Kräfteverhältnis der fünf Elemente innerhalb des Körpers auszugleichen. Da die fünf Elemente in der Chinesischen Medizin mit den fünf Hauptorganen des Körpers – der Lunge, den Nieren, der Leber, dem Herzen und der Milz – gleichgesetzt werden, bildete die Reinigung und Harmonisierung der Organenergien einen wichtigen Teil der alchemistischen Praxis. Dieser Prozess wurde durch das Einatmen und Aufnehmen von frischem Qi aus den verschiedenen Quellen der Natur, in der sich ebenfalls die Qualitäten aller Elemente – nämlich Metall, Wasser, Holz, Feuer und Erde – fanden, unterstützt.

Nur wenige sind in der Lage, ihre Lebensenergie
im Bauchraum zu zentrieren und zu speichern

So konnten die Alchemisten nicht nur in eine harmonische Verbindung zur Natur und zum Kosmos treten, sondern über Umwege auch zu der bereits von Laozi verkündeten Einheit mit dem Tao zurückkehren. Nach Ansicht der inneren Alchemisten bestand diese in einem Zustand vollkommener Freiheit jenseits des physischen Seins, denn die gesammelten und vereinten Qi-Kräfte des physischen Körpers wurden durch die Veredelung, die während tiefer Meditation stattfand, in “Shen”, “Geist”, umgeformt, so dass sich innerhalb des physischen Körpers allmählich ein “unsterblicher geistiger Lichtkörper” entwickeln konnte.

SEXUELLE PRAKTIKEN

Als eine der Hauptquellen der Lebensenergie wurde die Sexualkraft angesehen. Diese Energie, die neues Leben schaffen kann, galt für die inneren Alchemisten nicht nur als Essenz ihres Wesens, sondern auch als Basis für Kreativität, künstlerisches Schaffen, Vitalität und Spiritualität.
Eines der wichtigsten Anliegen für das Gelingen der Bewahrung und Veredelung der Lebenskräfte bestand für die inneren Alchemisten daher in der Harmonisierung, Vermehrung sowie Transformierung der Sexualkraft in spirituelle Energie. Mann und Frau lernten, die sexuelle Energie zu bewahren und die Energie der Hoden und Eierstöcke bewusst zu vermehren und über die Wirbelsäule hinauf in das Gehirn, die Drüsen und die inneren Organe zu leiten. Auf diese Weise wurde ein innerer Selbstheilungs- und Verjüngungsprozess eingeleitet, der in fortgeschrittenen Stadien in tiefe meditative Versenkungszustände führte.
Diese sexuellen Praktiken, die während, aber auch außerhalb des Geschlechtsverkehrs – als Form der Meditation – ausgeführt werden konnten und voraussetzten, dass der Mann beim Geschlechtsverkehr nicht seine Samen ergoss, bildeten zudem die Grundlage für die Bildung des “Goldenen Elixiers” – dem eigentlichen Ziel der inneren Alchemisten.

DER LICHTKÖRPER ENTSTEHT

Das “Goldene Elixier” ging nach vielen Jahren der Meditation aus einer Form des “innerlichen Geschlechtsverkehrs” hervor. Die Bildung des “Goldenen Elixiers” erklärt, mit welchen Praktiken die inneren Alchemisten die Entstehung eines “unsterblichen Lichtkörpers” anstrebten. Anstatt Erfüllung in der Welt der Sinne zu suchen und die Lebenskräfte über die Jahre immer mehr zu erschöpfen, lenkten die inneren Alchemisten ihre Sexualenergie sowie die Begierden ihres Herzens nach innen und “befruchteten” sich selbst.

INNERE ALCHEMIE IM 20. JAHRHUNDERT

Zusammen mit den frischen Kräften der Naturelemente, die sie durch spezielle Qigong-Übungen aufnahmen und im Körper speicherten, und den gereinigten Energien der inneren Organe konnte so im Unterbauch, dem “Schmelz-tiegel” des Körpers, eine Vermählung entgegengesetzter Kräfte entstehen – eine verdichtete und veredelte innere Energie, die in der alchimistischen Sprache “Goldenes Elixier” genannt wird. Dieses “Goldene Elixier” bildete sozusagen den Samen für einen “spirituellen Embryo”. Aus der verdichteten und verfeinerten Lebensenergie konnte allmählich der feinstoffliche “Lichtkörper” entstehen, der nach Annahme der inneren Alchemisten auch nach
dem Tod des physischen Körpers unabhängig in der geistigen Welt reisen konnte.

Besonders durch ihre Kombination mit meditativen Vorgehensweisen – wie die Harmonisierung fünf Elemente und dem Ausgleich der Yin- und Yang-Kräfte – wurde die innere Alchemie zur wichtigsten meditativen Strömung des nachchristlichen Taoismus, die in vielen Ausformungen bis in unser Jahrhundert hineinwirkt.
Nicht wenige der heutigen Qigong- oder Tao-Meister sind direkte oder indirekte Nachfolger der alten chinesischen Alchemisten, denn sie lehren meist nicht das “stille Sitzen” und die direkte Vereinigung mit dem Tao, sondern die “Pflege des Lebens” und das Sammeln von Qi-Kräften im Unterbauch.
Zwei der bekannten chinesischen Meister, die heute im Westen unterrichten und von sich selbst sagen, dass sie aus der Tradition der inneren Alchemie stammen, sind Mantak Chia und Zhi-Chang Li.

Versteht man die Erschaffung des feinstofflichen Körpers mehr als ein Ideal oder als eine “hypothetische Möglichkeit”, dann bekommen die Praktiken der inneren Alchemie weit mehr Bezug zum Alltagsleben im heutigen Westen, als sich auf den ersten Blick vermuten lässt. Denn die Alchemisten lehrten nicht nur den bewussten Umgang mit der Sexualkraft, der besonders in der heutigen Zeit vielen Menschen eine Hilfe sein kann, sondern auch eine moderne Form von “Energiemanagement”: Sie wussten, wie sie Überarbeitung vermeiden konnten, lernten ihre Lebenskraft zu zentrieren, konnten durch die Reinigung und Stärkung ihrer Organe Krankheiten vorbeugen und waren Meister darin, durch Körperübungen und Kräuter ihre Substanz aufzubauen und zu bewahren. Neben all dem zeigten sie einen detaillierten Weg, über die “Pflege des Körpers” und die Verfeinerung der inneren Energien tiefe geistige Versenkungszustände zu erreichen.

Viele detaillierte Kenntnisse dieses Weges können uns auch heute von Nutzen sein, denn besonders in den letzten zwanzig Jahren sind zwar Körperarbeit, Therapie und Meditation beliebt wie nie zuvor, aber nur wenige Menschen sind – auch nach Jahren intensiver Praxis – in der Lage, ihre Lebenskraft im Bauchraum zu zentrieren und zu speichern. Und dies ist nicht nur ein Anliegen der Taoisten, sondern eine sehr wichtige Voraussetzung fast aller höheren Meditationsformen der verschiedensten Traditionen.

Nicht geboren, nicht gestorben

In die tiefen Ebenen der Meditation wollte ich vordringen, in die „Dhyanas“ wie die Buddhisten sagen, in meditativen Zustände, in denen Verzückung, Glück und tiefer Frieden das (eigene) Sein durchtränken. Auf diesem Weg wollte ich lernen, liebevoll und offen durch die Welt zu gehen und andere auf ihrem Weg zu unterstützen. Mit diesem Ziel war ich schon so viele Male zuvor nach Asien aufgebrochen. Doch diesmal gab es einen Unterschied: Im Gegensatz zu den vorherigen Reisen meditierte ich nicht in einem Kloster, sondern in einer Dunkelkammer: drei Wochen lang wollte ich im Stockdusteren leben ohne auch nur eine Minute Licht, ohne meine Hände vor den Augen zu erkennen, ohne zu erblicken was ich aß und ohne jegliche Reize der Außenwelt, die meine Sinne ablenken könnten.

Angst, Einsamkeit und emotionale Krisen packen mich schon in den ersten Tagen. Ich weiß nicht, wo ich bin, stoße überall gegen, fühle mich total verloren und werde Opfer unzähliger bizarrer Traumbilder, die sich meines Geistes bemächtigen. Gleichzeitig erlebe ich in vielen Meditationen unerwartet innere orgastische Zustände; fühle, wie jede Zelle meines Körpers tanzt und sich dabei mit der Lebenskraft des Universums vereint. Diese ersten Tage sind ein Wechselbad der Gefühle.
Je mehr ich das Dunkel akzeptiere, innerlich wirklich loslasse und ganz entspanne, desto intensiver wird das Gefühl unendlicher Liebe in meinem Herzen. In der zweiten Woche wird der Frieden raumloser Weite zu meinem ständigen Begleiter. Die Bilder, die während meiner Wachträume nun in mir aufsteigen, kommen aus immer älteren Schichten meines Daseins. Und ich empfinde genau das, was im Dualismus des Alltags stets verloren geht: die ursprüngliche Geborgenheit eines Fötus im Mutterleib.
Nach ca. 14 Tagen habe ich innerlich mit dem Rückzug in die Dunkelheit abgeschlossen. Es wird unglaublich langweilig. Die Zeit wirkt wie gedehnt. Ich bin bereit, die Dunkelkammer zu verlassen. Ich habe meine Lektion gelernt – denke ich zumindest. Trotzdem meditiere ich weiterhin und genieße das Gefühl der Liebe und Stille im Herzen. Aber innerlich warte ich darauf, dass die „Tür zum Leben“ sich öffnen wird. Ich will neu geboren werden und hinaustreten ins Licht.
Doch plötzlich geschieht etwas Unerwartetes. Mich ergreift die Angst vor dem Tod. Der Tod durchdringt mein Wesen mit einer Gewaltigkeit, wie ich es mir nie hätte vorstellen können: Ich träume, sehe und fühle meinen Tod, den Tod meiner Frau, meiner Eltern und meiner Freunde. Tagelang! Das Leben hat seinen Zauber verloren: tanzen, im Meer schwimmen, leckere Speisen essen, küssen und sich lieben, alle diese Freuden erscheinen wie eine Flucht vor der Wahrheit! Und selbst der Glaube an Wiedergeburt wirkt im Angesicht des Todes wie ein kraftloser Heuchler, will er mir doch vormachen, dass ich unsterblich bin. Nichts macht mehr Sinn, nicht mal, aus diesem Dunkel herauszukommen. Denn das ist jetzt gewiss: Vor dem Tod gibt es kein Entkommen. Er wartet und holt mich zur rechten Zeit.

Hier geht es nicht weiter. Auf der Suche nach Frieden und Glück bin ich auf Granit gestoßen! Es ist sinnlos – ja unmöglich – permanenten inneren Frieden zu finden, wenn dieses Leben im Zerfall endet. Diese, meine Person kann nicht von Leiden befreit werden. Ihre Existenz beinhaltet bereits die Grundlage des Leidens! Innerlich gebe ich auf! Und so beginnt der Tod, mich noch tiefer in die Arme zu schließen.

Obwohl jede meiner Zellen von einer Angst und Ohnmacht durchdrungen ist, ist seit diesem Moment etwas anderes da, wie eine Ahnung, wie ein Gefühl, und doch habe ich nichts wahrgenommen. Es ist nicht wie das Licht am Ende eines Tunnels. Da ist weder Licht noch Tunnel. Es ist das, was immer schon da ist. Nie geboren und niemals gestorben. Ich will es greifen, aber es ist nicht greifbar. Es hat nichts zu tun mit irgendeiner Meditation oder Praxis. Es ist weder Sein noch Nicht-Sein. Es fühlt sich eher an wie ein Nebel, der alles umfängt. In ihm liegt die Quelle der Liebe. Und in ihm liegt das Tor zur Freiheit. Das Tor zu durchschreiten bedeutet zu sterben, wie in einer Flamme zu verbrennen. Und das, was dann vielleicht geboren wird, ist etwas anderes, bin nicht mehr „ich“ selbst.

Als ich die Dunkelkammer nach drei Wochen verlasse, ist ganz tief in mir etwas verändert: Für einen ganz kleinen Moment habe ich ein tiefes Vertrauen in die „Essenz des Lebens“ gespürt, in die „Kraft des Tao“, wie die Chinesen sagen. Und ich ahne, dass es wichtig ist, diesen Samen des Vertrauens tiefer zu entwickeln, um mich ganz auf das Leben einzulassen, um die tiefen Ängste in mir aufzugeben, die nichts anderes tun, als permanent an der Illusion eines Ich zu stricken, dass ständig kämpfen, arbeiten und sich beweisen muss, um geliebt zu werden oder um einfach nur zu sein. Welch ein Scheintrug!

 

Presse

Qigong und Kochen

Was haben Qigong und Kochen miteinander zu tun?  Carsten Dohnke, Qigong Trainer aus Hamburg, überraschte uns mit diesem Vergleich.

 
Qigong bedeutet „Die Kunst, die eigene Lebenskraft zu nähren“.
Qigong zu praktizieren  ähnelt dem Kochen. Für ein gutes Gericht brauche ich verschiedene Zutaten, die miteinander verarbeitet werden und gut aufeinander abgestimmt sein sollten. Dann schmeckt es nicht nur lecker, sondern kann auch noch je nach Anforderung  variiert werden.

Beim Qigong unterscheiden wir drei wichtige „Zutaten“: Körperübungen, die Arbeit mit der Vorstellungskraft und stille Meditation. Durch deren Kombination entwickeln sich innere Stärke, der Fluss der Lebensenergie  wird aktiviert, Zellen, Organe und Immunsystem werden positiv beeinflusst und alte Emotionen wie z.B. Wut oder Angst können verarbeitet werden. Zudem stellt Qigong einen Gemütszustand  innerer Ruhe her. Wenn ich verstehe, wie diese Zutaten zusammenwirken, kann ich leicht ausmachen, was mir oder anderen fehlt. Das hilft mir, als Lehrer ein Seminar aufzubauen oder jemanden zu couchen.

Qigong basiert auf vier Prinzipien, die erklären, wie man am besten „kocht“:

1. loslassen und sich entspannen
2. die eigene Mitte finden

3. natürlich sein –  was auch bedeutet überflüssiges wegzulassen sowie mit der Kraft der Natur zu kooperieren und
4. mit  dem Leben  verschmelzen – das letzte Prinzip ist am wichtigsten. Es führt zu tiefer Kraft und innerem Frieden.
 
Qigong ist ein Teil der traditionellen chinesischen Medizin. Versteht man  die  Prinzipien der TCM – was ein wichtiger Aspekt meiner  Ausbildung ist –  wird sofort deutlich, was die verschiedenen Formen bzw. Stile bewirken. Zudem lässt sich das Resultat der Praktiken durch chinesische  Kräuter oder spezielle Ernährung wunderbar ergänzen.

Nicht die Methode, sondern der Mensch steht im Vordergrund. Menschen, die Qigong lernen wollen, verfolgen damit ganz unterschiedliche Ziele. Konkret: sie bestellen unterschiedliche Gerichte. Wenn ich die Wirkung der Zutaten kenne und gleichzeitig gut kochen kann, bin ich weniger einem bestimmten Rezept verhaftet. In China serviert ein guter Koch zudem nicht nur das, was bestellt wurde. Er sieht seinem Gast auch an, was ihm wirklich fehlt und zaubert als Angebot  ein weiteres Gericht auf den Tisch. Hier beginnt die wahre Kunst des Qigong!

Aufenthalt im Kloster

Ajahn Pooh, der Abt des Klosters

Auf harten Pritschen schlafen. Statt einer warmen Dusche gibt es Regenwasser aus Schalen und morgens um 4.30 Uhr ist Wecken angesagt. Und darüber darf man sich noch nichtmal beschweren, denn geredet wird nicht – auch nicht in Zeichensprache.

In die Stille kommen

Trotzdem strahlen Carsten Dohnke und Hans-Joachim (Achim) Drews Begeisterung aus, wenn sie von ihrem zweiwöchigem Aufenthalt im thailändischen Kloster Suan Mokkh erzählen. Die sich gleichenden Tagesabläufe, das fettarme Essen und die genussmittelfreie Zeit (Zigaretten und Alkohol sind strengstens verboten) machen den Kopf klar und erleichtern den Einstieg in die Meditation (“Wir hatten nie das Gefühl von Mangel, sondern im Gegenteil von Fülle – es quillt in einem förmlich über”). Für die beiden Freunde sind Meditation und Spiritualität kein Neuland: Achim hat sich bereits als 12-Jähriger mit “dem, was man nicht sehen kann” auseinandergesetzt, hat Zeit seines Lebens das Interesse nicht verloren, ist auf die Suche gegangen. Die Erfahrungen des gelernten Schriftsetzers reichen über den Zen-Buddhismus (“Durch Härte schmelzen”) bis hin zur Psychoanalyse. Achim hat mit 26 Jahren geheiratet, zwei Söhne bekommen und 1980 den Wolkentor-Verlag gegründet. Dort gab er ein paar Jahre lang Gedichtbände, Märchenbücher und Bücher über bewußte Träume heraus: “Eine gute Zeit. Ich habe viel über Esoterik gelernt”. Doch befriedigende “Antworten” fand er erst, als Carsten Dohnke in seiner Heimatstadt Geesthacht seinen Weg kreuzt: “Ich habe jahrelang einen Lehrer gesucht und finde ihn gleich nebenan”, amüsiert sich der 52-Jährige noch heute.

Carsten ist auch in Geesthacht aufgewachsen und Lehrer für Qigong, Taiji und Meditation. Bei ihm begann der Weg, als er mit 14 Jahren feststellte: “Mir fehlt etwas. Lebensdynamik und Lebenskraft.” Dann erlernte er Kung Fu. Mit 19 kam er vom Körper zum Geist, vom Kampf zur Meditation. (“In der Jugend sind wir Kämpfer – im Alter werden wir Heiler”). Seitdem hat sich Carsten Dohnke zum Kampfkunstexperten entwickelt, hat Heil und Meditationstechniken erlernt und in Hamburg Sinologie studiert. Vier Jahre studierte der Geesthachter direkt in Asien, ist außerdem langjähriger Assistent und Übersetzer des bekannten Taiji- und Tao-Meisters Mantak Chia. “Ganz perfekt bin ich noch nicht”, sagt Carsten. “Meine Frau lacht manchmal recht herzhaft über meine Aussprache”. Frau Dr. Weihua Dohnke muss es wissen: Die Ärztin kommt aus Südchina.

Die Erfahrung im Kloster wollen Achim und Carsten unbedingt wiederholen: “Es ist ein Ereignis mit 140 Leuten gemeinsam still zu essen. Und diese Sonnenauf- und -untergänge, diese subtropischeLandschaft ist unbeschreiblich.” In der Nähe des Klosters können Besucher sogar in heissen Quellen baden – Entspannung pur.
“Nach drei Tagen verliert man jegliches westliches Zeitgefühl, passt sich dem Tagesrhythmus des Klosters ganz automatisch an und lernt in die Stille zu kommen”, beschreibt Achim sein Gefühl. Und wer viel Meditationserfahrung hat, kann den physischen Körper während der Meditation “verlassen”, mit dem Raum verschmelzen: “Ein Gefühl von Glück und Frieden”, sagt Carsten. Die Buddhisten meinen: “Solange ein Ich da ist, ist Leiden in der Welt”.

Informationen über das Kloster Suan Mokkh unter:
externer Link folgtwww.suanmokkh.org

Interview mit Meister Mantak Chia

Geistige Unsterblichkeit ist das höchste Ziel. Mantak Chia entwickelte nach jahrelanger Forschungsarbeit das System des “Heilenden Tao”. Dabei handelt es sich um Techniken, die zur Mobilisierung und Erweiterung der Energiekapazität im Körper bei gleichzeitiger Entspannung beitragen. Carsten Dohnke sprach mit dem Qigong-Meister über spirituelles Wachstum, das “Innere Lächeln” und die Kraft der Liebe.

Carsten Dohnke: Sie sind der Begründer des “Healing Tao” Systems. Worum geht es dabei?

Mantak Chia: Das erste Ziel ist, dass die Menschen lernen sich selbst zu heilen und spirituell unabhängig zu sein. Das längerfristige Ziel ist spirituelles Wachstum und das höchste Ziel ist das Erreichen geistiger Unsterblichkeit.

CD: Wie wichtig ist die Kraft der Liebe für ihre Arbeit?

MC: Im Taoismus geht Liebe immer einher mit Sexualität. Liebe und Sexualität sind die wichtigsten Energien des Menschen und zudem die elementarsten Kräfte in den Zellen unseres Organismus. Sie helfen, dass die Zellen sich besser teilen und nicht so schnell altern. Indem wir die Sexualkräfte und die Liebesenergie während der Praxis in unsere Organe lenken, können wir alten Ballast, der “auf den Organen liegt” loslassen und fühlen uns sowohl körperlich als auch seelisch erneuert. Diese Energie wird auch in der Zellteilung weitergetragen.

CD: Und wie wichtig ist die Kraft der Liebe in ihrem Privatleben?

MC: Liebe und Sex sind für jeden Menschen wichtig! (lacht) Ohne Liebe wäre mein Leben nicht viel wert. Ich würde mich energielos fühlen.

CD: Bitte erklären Sie uns die Techniken des “Inneren Lächelns” und die der “Sechs heilenden Laute”.

MC: Das “Innere Lächeln” ist die wichtigste Basispraxis im Heilenden Tao. Durch sie kommt man tief in Kontakt mit seinen Organen, mit den Zellen und auch mit der eigenen genetischen Struktur. Wenn Sie lernen nach Innen zu lächeln, bringen Sie Energie in ihr System und ihre Organe. So kommt es zur Einheit zwischen Körper und Geist. Bei den “Sechs Heilenden Lauten” wirkt das gleiche Prinzip: Man benutzt Töne und bestimmte Handhaltungen für die Heilung der einzelnen Organe. Damit transformiert man negative Energie in positive Lebenskraft und balanciert zugleich die Organe untereinander aus. Dies entspricht der alten chinesischen Lehre der fünf Elemente. Es kommt zu innerer und äußerer Harmonie.

CD: Wie können wir unsere Lebensenergie steigern?

MC: Viele Menschen haben bisher noch nicht gelernt, wie sie ihren Körper mit Energie aufladen können. Das ist schade, denn eigentlich ist es ganz leicht. Wir müssen zunächst die Energie im Dan Tien fühlen. Dieses wichtige Energiezentrum liegt in der Mitte des Unterbauchs zwischen Nabel und Nieren. Wenn wir das Dan Tien aktivieren, spüren wir eine Art innere spiralisierende Kraft in diesem Zentrum. Wenn wir dann mit dem Geist die Unendlichkeit und die Spiralkraft des Universums fühlen und sie mittels tiefer Atmung aufnehmen, wird das Dan Tien automatisch mit universeller Energie aufgeladen. Geht diese Energie noch tiefer, erfüllt sie auch die einzelnen Organe und im höchsten Stadium durchdringt sie sogar die Knochen und das Mark.

CD: Welchen Sinn macht es, Energie in die Knochen zu bringen?

MC: Nach taoistischer Lehre ist es wichtig, den ganzen Körper mit Energie zu durchtränken. Der Alterungsprozess kann so verlangsamt und viele innere Krankheiten können geheilt werden. Außerdem können wir die gespeicherte Energie für die Bewältigung des Alltags und für unser spirituelles Wachstum nutzen.

CD: Was vermitteln Sie im Tao-Yoga-Grundkurs in Hamburg?

MC: Am Freitagabend zeige ich die Übungen der “Heilenden Liebe” und die Aktivierung der Multi-Orgasmischen Energie. Am Wochenende lehre ich dann die “Heilenden Laute”, das “Innere Lächeln” und schließlich auch den “Kleinen- und den Großen Energiekreislauf”. All diese Übungen harmonisieren die Yin- und die Yang-Energien im Körper und helfen uns gesünder, glücklicher und mit mehr Leichtigkeit durchs Leben zu gehen.

CD: Bei welchen Meistern haben Sie gelernt?

MC: Mein Hauptlehrer heißt White Cloud, Weiße Wolke. Er ist ein chinesischer taoistischer Meister, der viele Jahre in den Bergen praktiziert hat.

CD: Sie haben Ihre Unterrichtsmethode in den letzten Jahren weiterentwickelt. Was hat sich verändert?

MC: Die Praktiken sind weiterhin die selben. Jedoch die Art und Weise, wie ich sie vermittle, habe ich verändert. Sehr viele Erkenntnisse des Taoismus wurden in den letzten Jahren durch westliche Wissenschaftler belegt. Diese Erkenntnisse integriere ich in den Unterricht. Beispielsweise werde ich an Bildern von kristallisiertem Wasser darstellen, wie sich die Struktur des Wassers durch die Übertragung von liebevoller Energie drastisch verändert.

Essenz des Tao mit Carsten Dohnke

Qigong für Fortgeschrittene

In dem einwöchigen Seminar »Die Essenz des Tao« wurden Übungen aus verschiedenen Schulen des Qigong vermittelt. Grundsätzlich betonte der Seminarleiter Carsten Dohnke die Wichtigkeit, die Praktiken der verschiedenen Traditionen des Qigong zu trennen, da jedes System in sich sinnvoll aufgebaut ist und die Vermischung kontraproduktiv sein kann. Darum waren die Übungen unterschiedlicher Traditionen auf verschiedene Tage aufgeteilt und wurden separat vermittelt. Ich selbst war an drei Tagen anwesend, von denen zwei Tage dem Kleinen Energiekreislauf nach den Methoden von Mantak Chia gewidmet waren. Am dritten Tag wurde, unter Leitung seiner Frau Dr. Weihua Dohnke, die Chinesische Medizin und Ernährungslehre behandelt.

Die gemeinsame Übungszeit umfasste täglich zwei Blöcke von drei Stunden, mit Pausen, in denen es Tee und kleine Snacks gab. In der Regel wurden abends noch Wiederholungen der Übungen oder stille Meditation angeboten. Begonnen wurde stets mit einer fünfzehnminütigen stillen Meditation, die von Dohnke mit buddhistischen Mantren eingeleitet wurde. Dies empfand ich als sehr hilfreich, um bei sich selbst anzukommen.

Am ersten Tag führte Dohnke den Energiekreislauf theoretisch ein, erläuterte ihn anhand farbiger schematischer Darstellungen und band ihn in den soziokulturellen und historischen Kontext Chinas ein. Diese Belehrungen empfand ich als sehr interessant und nie zu trocken. Wiederholt streute Dohnke Anekdoten aus seinem reichen Erfahrungsschatz ein, so dass eine entspannte und humorvolle Stimmung herrschte. Nichtsdestotrotz wurde die Thematik des Körpers und seines Energiesystems sehr ernsthaft behandelt. Immer wieder fragte Dohnke nach Feedback aus den Reihen der Teilnehmer und ging auf deren Fragen ein, soweit sie für alle Teilnehmer hilfreich waren. Intensivere Gespräche zu individuellen Problemstellungen bot er für die Pausen an.

Mit großer Strahlkraft und Hingabe führte Dohnke in den zwei Tagen durch zahlreiche vorbereitende Aufwärm-und Qigong-Übungen. Wiederholt betonte er die Bedeutung des Nierenzentrums und des Nabels als Basis für den Energiekreislauf des ganzen Körpers. Praktiken, die die »Kraft der Mitte« fördern, sieht er als die wichtigsten Übungen des Qigong an. Insgesamt wechselten sich stehende und sitzende, bewegte und meditative Übungen ab. Zusätzlich streute er Übungen der Akupressur und der Selbstmassage ein. Diese abwechslungsreiche Gestaltung empfand ich als sehr angenehm. So leitete er die Teilnehmer behutsam zur Übung des Energiekreislaufs an, die dann auch für einen eher unerfahrenen Schüler wie mich ein voller Erfolg wurde.

Bei diesem intensiven, jährlich stattfindenden Sommer-Retreat handelt es sich eher um eine Veranstaltung für Fortgeschrittene oder zumindest für Menschen, die bereits einige Vorkenntnisse in den Bereichen Qigong und Meditation haben. Insgesamt ein empfehlenswertes Seminar für jeden, der seine Kenntnisse im Bereich chinesischer Körperübungen vertiefen will.

Ellen Jacobs, Jg. 1976, M.A. der Religionswissenschaft und Ethnologie, lebt in Heidelberg und beschäftigt sich intensiv mit traditionellen Heilmethoden und fernöstlichen Bewegungsformen.

Auf einen Blick

Leitung: Carsten Dohnke Kosten: 85 € pro Tag (einzeln buchbar)
Dauer: 8 Tage
Ort: Seminarzentrum Dorflinde Grasellenbach/Odenwald
Voraussetzungen: Qigong Erfahrung von Vorteil
Kontakt: carsten-dohnke@tao-hamburg.com

Unsere Bewertung

Seminarort: 3 von 5 Sternen
Organisation: 5 von 5 Sternen
Preiswürdigkeit: 5 von 5 Sternen
Seminarziel: 5 von 5 Sternen
Seminarleitung: 5 von 5 Sternen
Didaktik: 5 von 5 Sternen

Erschienen bei connection www.connection.de